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Einführung in die Ausstellung WELTEN IM WEIN

Einführung in die Ausstellung Mana Binz - WELTEN IM WEIN
2010

EVA-MARIA REUTHER
Kulturjournalistin:

„Wer aus diesem Becher trinkt, den wird sogleich Sehnsucht
erfassen der schön bekränzten Aphrodite“

heißt es auf dem berühmten Nestorbecher aus Ischia. Der kostbare
Fund stammt aus dem 8. Jahrhundert vor Chr. Die Inschrift darauf ist
wohl die älteste schriftliche Aussage zur Wirkung des Weins im
Abendland. Gut 2000 Jahre später wird Mephisto in der Hexenküche
dem unzufriedenen Faust versprechen: „ Du siehst mit diesem Trunk
im Leibe, bald Helenen in jedem Weibe“. Wir wissen nicht, was der
Teufel und die Hexe dem grüblerischen Gelehrten kredenzt haben, ich
vermute: es war ein Glas Moselwein.

Meine Damen und Herren, die Allianz zwischen Menschen und Wein ist
alt und dauerhaft, genauso wie die Erwartungen an ihn. Die Wirkungsund
Rezeptionsgeschichte des Weins im Spiegel der Schönen Künste
darzustellen, ergäbe eine eigene Vortragsreihe. Wir konzentrieren uns
heute auf Mana Binz’s Geschichten davon, auf ihre Glasbilder der
„Welten im Wein“.

Ganz allgemein gilt: keine Kultur will offensichtlich auf den Wein und
seine Wirkung verzichten. und das aus vielfältigen Gründen. Nicht nur,
dass der Wein unsere Mahlzeiten veredelt. Angemessen genossen,
dient er bekanntlich der Gesundheit. Im Mittelalter wurde sogar häufig
aus hygienischen Gründen das alkoholische Getränk dem
zweifelhaften, weil verschmutzten Wasser vorgezogen. Auch die
zeitgenössische Kosmetik hat den Rebensaft als Jungbrunnen- als Anti-
Aging Mittel wie es neudeutsch heißt - wiederentdeckt. Wenn das nicht
wirkt, so bleibt der Wein dem unaufhaltsamen Alter doch wenigstens
als Trost. Der wichtigste Grund, warum Kultur und Wein so eng
zusammenhängen, scheint freilich ein anderer.

Im Wein liegt zwar nicht unbedingt Wahrheit, wie es der Volksmund
vermutet. Gleichwohl vermag der Wein unserem Leben eine neue
Dimension zu geben. Man muss nicht unbedingt soziologische Studien
über das Glück des Rausches etwa im Zusammenhang mit Volksfesten
bemühen. Jeder, der schon mal einen Abend weinselig in fröhlicher
Runde verbracht hat, kennt diese andere neue Dimension. Wie
schwerelos fühlte man sich da mit Hilfe des Weins, entrückt der grauen
Tristesse alltäglicher Zwänge. Der Wein öffnet uns dann zumindest
vorübergehend eine neue Welt der Heiterkeit und Leichtigkeit.

Seinem Ruf wie seiner Fähigkeit, uns in eine andere Welt zu versetzen,
verdankt der Wein auch seit urewigen Zeiten seinem Einsatz im Kult
und in der Liturgie unserer christlichen Religion. Dem Wein wird darin
mystische Kraft zugesprochen. Nicht ohne Grund verwandelt Jesus bei
der Hochzeit von Canaa Wasser in Wein und nicht Bier oder Likör. Im
Messopfer wird Wein zum Blut Christi. Der Wein wird zum Mittler
zwischen Gott und Mensch zwischen Diesseits und Jenseits.

Freilich: Nicht immer ist die neue Dimension, jene neue Welt, die wir
durch den Wein gewinnen, eine freundliche, der Rausch nicht immer
bekömmlich. Der Wein verwirrt unsere Sinne, warnt schon die Antike.
Was die vom Wein gelösten Zungen von sich geben, ist nicht immer
hörenswert. Schon der griechische Dichter Anakreon erkennt weise:
„Ich bin betrunken, lasst mich nach Hause gehen“. In diesem Sinn liegt
also doch Wahrheit im Wein, nämlich die eigene, die das Übermaß an
Wein zutage fördert.

Ständig im Übermaß genossen, als selbst gewähltes Exil und Fluchtort
vor der Welt, wirkt der Wein sogar wie eine gefährliche Droge. Statt zu
beflügeln schafft er mit zerstörerischer Kraft in uns eine dämonische
Gegenwelt des Wahns, eine Vorhölle seelischer und geistiger Nacht.
Übrigens haben sich Künstler zu aller Zeit weit mehr mit dieser
anderen unheilvollen Welt beschäftigt, als mit der des fröhlichen
Zechers. Was Wunder: schließlich sind unsere künstlichen Paradiese
mit ihren Blumen des Bösen weit spannender, als die wohltemperierte
Wirklichkeit unserer Normalität.

Mana Binz setzt sich in ihren hier gezeigten Glasstelen mit allen diesen
Welten auseinander, die der Wein zu erzeugen vermag. Es geht – wie
bereits die Titel der Stelen ankündigen- um Lebenslust, Trunkenheit
und Wahn, um Satyrn und andere Weingötter, um Liebesfrüchte und
Gewaltphantasien und vieles mehr.

Wer die Künstlerin kennt, weiß, wie eng sie selbst der Weinkultur
verbunden ist. Nicht nur, dass sie einem Weinorden angehört. Im
Weinort Lieser nebenan ist sie geboren, dorthin ist sie auch vor Jahren
zurückgekehrt, um sich im elterlichen Anwesen einen eigenen Kunstort
zu schaffen. Auch das fing übrigens mit dem Wein an. Ich erinnere
mich noch an die ersten Ausstellungen im ehemaligen Kelterhaus.
Heute ist der stimmungsvolle Kunstraum von ehedem Teil eines
ganzen phantasievollen Kunst Ensembles mit Namen Paulushof. Wenn
Mana Binz nicht in Lieser ist, so lebt sie in Brüssel. Wie jedermann
weiß, ist auch die belgische Hauptstadt – das rauschende Brüssel wie
Jacques Brel einmal schwärmte- eine Stadt, die gleichermaßen dem
guten Essen wie dem Wein zugetan ist, eine Stadt des Genusses und
der Sinnenfreude. Und auch da sind wir wieder ganz bei Mana Binz.

Mehr noch: Mana Binz ist eine Künstlerin von enormer schöpferischer
Kraft. Ihre Einfälle scheinen unendlich, so wie ihre Energie. Ich
erinnere mich an Zeiten, in denen Sie Tage und Nächte über ihre
Wandteppiche gebeugt bis zur Erschöpfung arbeitete und malte. Sich
bis zur Erschöpfung verausgaben, das tut sie bis heute. Und mit dieser
künstlerischen Besessenheit sind auch die hier gezeigten 40 Glasbilder
zum Thema Wein entstanden. Ja, man kann mit Fug und Recht von
Besessenheit sprechen. Die Künstlerin Mana Binz arbeitet nicht nur, es
arbeitet in ihr. Tief aus ihrem Innern, aus ihrer Gedanken- und
Seelenwelt schafft sie. Ein gutes künstlerisches Werk entstehe nur aus
harter Arbeit hat Friedrich Nietzsche philosophisch entschieden. Mana
Binz ist eine solche harte Arbeiterin. Und damit meine ich neben dem
Körpereinsatz gleichermaßen die Arbeit des Gefühls wie des Geistes als
Grundlage ihrer schöpferischen Kraft.

Ihre hier gezeigte Werkgruppe hochformatiger Bilder aus Glas hat
Mana Binz 2008 begonnen. Wie bereits erwähnt, beschäftigt sie sich in
diesen Stelen mit der förderlichen wie zerstörerischen Wirkung des
Weins auf Bewusstsein und Phantasie. Als Sinnbild wählt die Künstlerin
das Bild der durchgeschnittenen Flasche. „Der Inhalt der Flasche
ergießt sich so in die Welt und zugleich kommt die Welt in die
Flasche.“, erläutert Mana Binz ihre Bildidee. Natürlich kann man auch
in den schmalen hohen Formaten einen Hinweis auf die Flaschenform
sehen. Der Werkstoff Glas ist nicht nur ein bevorzugtes Material der
Künstlerin, er hat auch eine enge Verbindung zum Thema. Nicht nur,
dass Wein in gläserne Flaschen abgefüllt und in Gläsern kredenzt wird.
Im Glas vereinen sich auch die vier Elemente Feuer, Wasser, Erde und
Luft. Glas ist nach Ansicht von Mana Binz ein Material, das – selbst im
Fluss und in ständig wechselnder Farbe und Gestalt- wie kaum ein
anderes die Verwandlung des Rebensaftes in Wein und seine
Veränderung über die Jahre zu versinnbildlichen vermag.

Mana Binz Glasstelen stehen im engen Zusammenhang mit ihren –
eben bereits angesprochenen – bemalten großformatigen
Wandteppichen. Statt der undurchsichtigen beweglichen Stofffläche
wählt sie diesmal in Platten gegossenes, transparentes Glas als
Bildträger und Bilduntergrund. Bevor der eigentliche Malprozess
beginnt, fertigt die Künstlerin als Umrisszeichnungen Bleistiftskizzen
an, die an Entwürfe für Glasfenster erinnern. Sie werden dem späteren
Glasbild zugrunde gelegt. Schließlich beginnt das Malen. Dazu trägt die
Künstlerin auf den glatten Glasgrund mit Farbpigmenten eingefärbtes
Glaspulver auf, das sie vorher mit Leim zu einer gut haftenden Masse
verrührt hat. Das Auftragen ist ein schwieriger, langwieriger Prozess.
Er geschieht Farbpunkt für Farbpunkt, bis am Ende Linien, Formen,
Farbflächen und damit Bildzusammenhänge entstehen. Die bemalten
Platten werden mit einer weiteren Glasplatte abgedeckt und schließlich
gebrannt. Erst beim Brennen erreichen die Farben ihre gewünschte
endgültige Leuchtkraft. Entstehende Luftblasen und Veränderungen im
Farbverlauf bezieht Mana Binz ganz bewusst als Teil des künstlerischen
Prozesses mit in ihre Bildidee und ihre Gestaltung ein. Auf diese Weise
entsteht im Feuer ein neuer in sich geschlossener, gleichwohl Licht
durchlässiger und Licht filternder Kosmos mit spannendem Innenleben.

Wer mit Mana Binz Werk vertraut ist, wird sich an ihre großformatigen
bemalten Wandteppiche erinnern und unschwer erkennen: Die
Bildersprache der Stelen und der Wandteppiche ist dieselbe. Es ist das
vertraute künstlerische Vokabular der Teppiche, mit dem Mana Binz in
ihren Stelen neue Bildgedanken und -zusammenhänge formuliert. Der
enge Zusammenhang zwischen den textilen Arbeiten und diesen
Glasstelen hat freilich nichts mit künstlerischem Stillstand zu tun. Im
Gegenteil: Mana Binz Bilder sind keine Zufallstreffer, sie sind das
Ergebnis einer langen Entwicklung in die Ausdrucksmöglichkeiten
ausgelotet und vertieft wurden. Heute hat Mana Binz ihre Bildsprache
gefunden.

Wie ihre Wandteppiche ist auch Mana Binz Glasmalerei bestimmt von
der schwungvollen Linie, von der Lust an der Arabeske, von
Farbsinnlichkeit und Farbrausch. Sie sind bestimmt von der Freude am
Erzählen und Fabulieren, genauso wie von Mana Binz Lust zur Kaprice
und ihrem Sinn für Witz. Ganz entschieden geprägt ist das Schaffen
der Künstlerin zudem – und dem entspringen auch diese Glasarbeitenvon
ihrem Interesse am Menschen. Dessen Seinsbedingungen, seine
„condition humaine“ reflektiert die Künstlerin vielfältig quer durch die
Kulturen.

Dabei entsteht freilich kein Bilderlexikon zum Thema Menschsein,
sondern ein neues kleines Universum aus Wirklichkeit und Fiktion. Es
ist voller Botschaften, Sinnbilder und Querverweise. Sie finden
Hinweise auf das Christentum, auf die Mythologie, Hinweise auf die
Eindrücke einer Indienreise. Und natürlich die Liebe: jung und frisch
ist sie wie der junge Wein oder glühend und schwerblütig. Wo Leben
ist, ist auch der Tod stets gegenwärtig. Bei Mana Binz ist selbst der
Knochenmann weinselig, ein unübersehbarer Verweis auf die
mittelalterliche Tradition des Totentanzes. Mana Binz Bilderwelt ist im
Grunde eine gegenständliche gut zu entziffernde Bilderwelt. Aber ich
denke, man muss diese Bilderwelt nicht unbedingt Buchstaben für
Buchstaben lesen. Man sollte sich ihr ganz spontan überlassen – wie
dem Wein sozusagen- ihrer Farbenpracht, ihrer Dynamik, und der
Leidenschaft für die Kunst, von der sie künden. Diese Leidenschaft
wird allerdings von der klaren Form der Stelen in Grenzen gehalten.
Mana Binz Malerei ist an sich flächig. Im Verbund mit dem Glas wird
sie jedoch zum in sich geschlossenen, dichten Bildraum. In diesem
Sinn sind Mana Binz Glasstelen Grenzgänger zwischen Malerei und
Objektkunst. Hier in der Akademie stehen sie ideal vor Außenfenstern
wo sie mit dem Licht eine wunderbare Symbiose von Natur und Kunst
eingehen. Mana Binz Glasstelen leben mit dem Licht und durch das
Licht, sie selbst kultivieren das Licht durch ihre Farben. Ihr Rot, Blau
oder Gelb veredelt das Licht, erfüllt es mit Symbolik und macht es im
Wortsinn sinnträchtig. Nebenan im Weinmuseum stehen die Stelen
eher wie eine lichte Wand, die dem hoch vereinzelten Raum Halt gibt.


In Mana Binz Glasstelen einen sich die Welt der wahrnehmbaren
Wirklichkeit mit der Vorstellungswelt der Künstlerin zu einer
vielfarbigen außerordentlich lebendigen Bilderwelt. Die verschafft uns
neben jeder Menge Augenlust, neue geistige Einsichten über die alte
Spezies Mensch und ihre Welten im Wein. Und wenn sie ganz tief in sie
eindringen, werden sie wie bei aller Kunst, das Echo ihrer eigenen
Innenwelt darin hören.

Damit diese Welt durch den Wein nicht aus den Fugen gerät, empfehle
ich Ihnen zum Schluss noch einmal den antiken griechischen Dichter
Anakreon:

Auf, mein Junge, eine Schale bring uns her, um vorzutrinken.
Einen tiefen Zug. Zehn Teile Wassers und fünf Teile Weines
Fülle ein, damit ich weiter ohne Rohheit Bakchos diene.
Nein, wir wollen nicht so weiter lärmend bei dem Wein und johlend
Wie die Skythen uns benehmen, sondern unter schönen Liedern
Wollen wir gemächlich trinken.

Eva-Maria Reuther