Impression aus der Entstehungsgeschichte der Genusskunstaktion und Tafelinszenierung von Mana Binz
RITUELLES ESSEN - LEBEN IM FLUSS
Im Paulushof in Lieser konnte ich einen Raum der Stille erschaffen, einen Raum für persönliche Verlangsamung, Entschleunigung, Bewusstwerdung und für rituelle Anlässe. Hier darf der Tisch zum Fluss werden mit Motiven von Fischen, Wasser, von Wasserzeichen und -wirbeln, von Wolkengebilden, Luft und Feuer. Im Mittelpunkt der Ess-Zeremonie steht die Bedeutung des Wassers, worauf die großen auf dem Tisch platzierten Wasserschalen hinweisen. Wasser wird genutzt bei Reinigungsritualen, bei der Taufe, bei Segnungs- und Weihehandlungen. Christus selbst wusch vor dem Letzten Abendmahl seinen Jüngern die Füße. Die rituelle Waschung der Hände vor und während des Essens ist Teil des Rituals und schafft kulturelle Gemeinschaft für diesen Anlass. Das Ritual rund um Essen und Trinken, die Ursprache von Brot, Wasser und Wein emotionalisieren und verdeutlichen Elementares: Leben im Überfluss und der Wert des Lebens im Fluss der Zeit. Diese Grundelemente menschlichen Daseins werden bei dieser „Genusskunstaktion“ durch ritualisierte Esskultur wieder erfahrbar.
Seit Alters her symbolisieren Flüsse und Ströme den Strom der Zeit, in den das menschliche Leben unweigerlich eingebettet ist. Das Leben an der Mosel, einer jahrtausendealten Wein-Kulturlandschaft erweist sich als begnadet, denn hier sind Wasser und Wein reichlich vorhanden. Ein Leben im Fluss. Auch im Fluss von Vergänglichkeit und Veränderung, im Fluss der Zeit, im Fluss des lebenserhaltenden Wassers, denn nur durch Wasser können sich die menschlichen Zellen erneuern und gesund erhalten. Vom Überfluss verwöhnt, scheinen uns Themen wie die Verknappung des Wassers, dessen Kostbarkeit und die Menschen, die den Kampf um das Wasser täglich führen müssen, weit entfernt. Ich denke an meine Weltwasserpumpe aus 1965. Immer noch aktuell. Sind wir dankbar und bereit, der anderen Hälfte der Menschheit, die in wasserarmen Gegenden geboren wurden, die Hand zu reichen und sie zu unterstützen im täglichen Kampf ums Überleben, sie am Überfluss teilhaben zu lassen, nach wahrer Empathie zu streben?
Das rituelle Essen – Leben im Fluss ist eine Kombination der Essenskultur Mitteleuropas à la française, die sich im 18. Jahrhundert im europäischen Adel mit fester Dinnerfolge entwickelte und der Essenskultur à la russe, wonach die einzelnen Gänge portioniert auf Tellern serviert werden. Diesen Übergang hat die Top-Gastronomie vollzogen, ohne dies zu thematisieren.
Wasser, Wein und Brot sind ein Zitat des Letzten Abendmahls Jesu. Die Speisefolge der klassischen drei Gänge (Vorspeise, Hauptgericht, Dessert) ist christlichen Ursprungs und erinnert an die Dreifaltigkeit. Dieses Prinzip findet sich auch auf dem Teller wieder, wenn z.B. Fleisch mit zwei Beilagen serviert wird. Daher wird das rituelle Essen auch den Übergang der Esskulturen aufgreifen: Essen im Dreiklang à la française in den Dreiklang à la russe unter Beibehaltung der klassischen Speisefolge eines Menüs. Die Tafelinszenierung schlägt die Brücke zu anderen Kulturen, integriert wieder das Reinigungsritual und interpretiert Geschmacksmemorate neu, ich nenne das: Erinnerungsrezepturen.
In der klassischen Speisefolge isst man sich durch die Schöpfungsgeschichte Wasser/Suppe/Fische, Grünes/Salat/Gemüse, Flugtiere/Vögel/Hühner, Landtiere/Rind/Wild, Schöpfungen des Menschen wie Käse/Gebäckkreationen/Süßspeisen.
Schmecken und Riechen sind die Sinne des Gedächtnisses. Beim Essen erinnern wir uns an Uraromen unserer Kindheit. Die Idee zum rituellen Essen kam mir bei der Veranstaltung „Flüssige Zeit“, einer Veranstaltung im Rahmen der Mosel WeinKulturZeit 2009, die Annette Köwerich gemeinsam mit mir durchführte. Die Reflektionen über Zeit, Leben in der Zeit, Leben im Fluss der Zeit und Leben im Fluss der Erinnerungen führten zu Marcel Proust, dem beim Eintunken der Madeleine in den Tee „mit einem Mal … die Erinnerung“ wach wurde. Über das Duft und das Geschmackserlebnis verknüpft sich Gegenwart und Vergangenes zu Bewusstsein. Die Geschmackserlebnisse der Kindheit sind Schlüsselerlebnisse.
Regionale Spezialitäten gehören zur Gedächtniskultur. In den regionalen Küchen sind Kombinationen bestimmter Speisen typisch, z. B. im badischen Dampfnudeln mit Vanillesauce, Himmel und Erd im Rheinischen, warme Griesklöse mit kalter Rieslingzabaillone ein typisches Moselgericht, Eifeler Viezbraten mit geschmelzten Honigmöhrchen, Dinkelpfannkuchen, das Moselfränkische Kartoffelsüppchen, die armen Ritter der Nachkriegszeit, Brotsuppe, süße Pfannkuchen mit Erbsensuppe, Milchreis mit Zimt und Zucker…
Jede Region kennt ihre sozialen Geschmacksmemorate und Gedächtnisrezepturen. Das sonntägliche Fleischstück, vom Vater aufgeschnitten, mit Erbsen und Möhren in weißer Mehlschwitzsauce, mit dampfenden gekochten Kartoffeln mit etwas gebräunter Süßbutter und frischer Petersilie vereint ganz Deutschland. Die Rezepturen des rituellen Essens werden diese Geschmacksmemorate aufgreifen und in Erinnerungsrezepturen der Heimat und Kindheit spiegeln, aber auch neu interpretieren. Denn das rituelle Essen greift auch die Dynamik der Rituale auf, da die identitätsstiftende Wirkung traditioneller Spezialitäten nichts Statisches ist. Identität ist etwas Dynamisches, etwas was im Fluss bleibt. Traditionen werden adaptiert und neu interpretiert und sind durch unsere individuelle Weiterentwicklung und Änderungen im Gruppenverhalten, sowie auch durch unsere Reisen einer steten Wandlung unterworfen.
Erinnerung wird immer leicht verändert fortgeschrieben und schwingt sich in einer Reflexion von Vergangenheit, Gegenwart und Erwartungshaltung auf etwas Neues ein. Der Gedächtnisspeicher bleibt im Fluss, auch im Fluss der Erinnerung.
Bei dieser Veranstaltung soll etwas in Erinnerung bleiben. Daher werden die einzelnen Gänge durch Entremets wie seit jeher üblich, aufgelockert: Reden, Gesang, Tänze, Musik… Bewegung und Unterhaltung der Gäste, das alles sorgt für Eingang in den Erinnerungsspeicher!
Herzlich!
Mana Binz
